Schlesien von Beginn der deutschen Besiedlung bis zur Vertreibung

Schlesien - das ist geographisch das Stromgebiet der oberen und mittlerein Oder mit ihren vielen Nebenflüssen zwischen Sudeten und polnischem Jura; Beskiden und Spreewald. Am Breslauer Oderübergang kreuzen sich seit der Frühzeit die Bernsteinstraße und die später sogenannte Hohe Straße; an dieser strategisch wie wirtschaftlich wichtigen Stelle entstand als politisches, dynastisches, kirchliches und kulturelles Zentrum des schlesischen Oderlandes die Stadt Breslau. Das Land an der oberen und mittleren Oder hat seinen Namen von den Silingen, einem Teilstamm der germanischen Wandalen. Sie kamen aus dem skandinavischen Norden und siedelten von etwa 100 v.Chr. bis 400 n.Chr. um ihr Heiligtum auf dem Zopten, dem Silingberg, wie er noch in Quellen des 13. Jahrhunderts heißt. Nachdem um 400 n.Chr. der Großteil der Wandalen Schlesien verlassen hat, dringen am Ende des 6. Jahrhunderts von Süden und Osten her Slawen ein.

Im 9. Jh. gelangte Schlesien unter die Herrschaft der Böhmen; Wratislaw I. gründet Breslau (Wratislawia), im 10. Jh. legt Mieszko I. im Gebiet der Flüsse Warthe und Netze die Grundlagen für ein polnisches Reich. Ende dieses Jahrhunderts wird Schlesien von Mieszko und Boleslaw Chrobry erobert. Um das Jahr 1000 wird das Bistum Breslau gegründet.

Im Jahre 1146 erkennt Wladislaw II. (seine Frau ist die Babenbergerin Agnes) die deutsche Lehnshoheit an. 1163 übernehmen zwei Söhne des 1146 vertriebenen Wladislaw als Herzöge Nieder- und Oberschlesien. Mit ihnen, die 17 Jahre in Deutschland gelebt hatten, beginnt die Geschichte des deutschen Schlesiens. In den Zeitraum von etwa 1200 bis 1350 fällt die deutsche Besiedlung; 160 Städte und ca. 1500 Dörfer werden nach deutschem Recht gegründet; große Klöster entstehen. Unter Heinrich I., dessen Gemahlin Hedwig von Andechs und Meranien ist, vollzieht sich die Lösung vom polnischen Reich.

Beim Einbruch der Mongolen im Jahre 1241 stellt sich Heinrich II., der Fromme, der gewaltigen Übermacht auf der Wahlstatt bei Liegnitz entgegen. Heinrich II. fällt. In der Folgezeit wächst durch Erbteilungen die Zahl der Herzogtümer bis 18 an. - König Kasimir von Polen verzichtet 1335 im Vertrag von Trensch "für ewige Zeiten" auf Schlesien. Damit wird die schlesische grenze zu Polen festgelegt, die bis in unsere zeit Bestand hat. Zur Zeit Karls IV., der böhmischer König und deutscher Kaiser ist, wächst die Bedeutung der schlesischen Städte, insbesondere Breslaus. Nach der Drangsalierung durch die Hussitenkriege (1420 - 1434) wird 1469 Matthias Corvinus von Ungarn König von Böhmen und Herr von Schlesien. 1526 kommt Schlesien mit Böhmen unter die Habsburger. Das Land wird nicht mehr von Prag, sondern von Wien beeinflußt. Der Dreißigjährige Krieg schlägt tiefe Wunden, wenn auch z.B. Breslau unberührt bleibt. Nach dem Kriegsende verstärkt sich in Schlesien die Gegenreformation, was die geringe Zahl der drei den Evangelischen zugestandenen Friedenskirchen in Glogau, Jauer und Schweidnitz andeutet, zu denen erst 1707 durch den Vertrag Karls XII. von Schweden mit dem Kaiser in Altranstädt die sechs Gnadenkirchen in Sagan, Freystadt, Hirschberg, Landeshut, Militsch und Teschen treten.

1740 erhebt Friedrich II. von Preußen, gestützt auf den Erbvertrag von 1527, Anspruch auf Schlesien, erobert es und sichert sich den Besitz in drei Kriegen von 1740 - 1742, 1744 - 1745 und 1756 - 1763.

Im Jahre 1813 wird Breslau zum Zentrum der Erhebung gegen Napoleon. Nach der Vergrößerung der Provinz durch Teile der Lausitz als Folge der Beschlüsse des Wiener Kongresses 1815 erhält Schlesien seine endgültige Gestalt, die Form des Eichenblattes.

Der Erste Weltkrieg berührt Schlesien mit seinen Kämpfen nicht. Der Versailler Vertrag verstümmelt das Land; er teilt ohne Abstimmung das Hultschiner Ländchen der neu entstandenen Tschechoslowakei und Grenzbezirke von Niederschlesien dem polnischen Staat zu. Trotz zweier polnischer Aufstände ergibt die Abstimmung am 20. März 1921 60 % der Stimmen für Deutschland. Trotz dieser eindeutigen Entscheidung der Bevölkerung teilen die Siegermächte das Abstimmungsgebiet und geben des wirtschaftlich wertvolleren Teil des Bergbau- und Industriegebietes an Polen. Die dadurch geschaffenen Probleme belasteten die Nachkriegszeit schwer, die 1933 in den Nationalsozialismus und 1939 in den Zweiten Weltkrieg mündeten. Auch die mutige konspirative, auf Freiheit und Selbstbestimmung gerichtete Tätigkeit des Kreisauer Kreises auf dem Gut Kreisau bei Schweidnitz und der ihm angehörenden Schlesier während des Zweiten Weltkrieges konnte dessen tragischen Ausgang nicht verhindern oder doch wenigstens abmildern.

Die Vertreibung der Schlesier am Ende des Zweiten Weltkrieges und danach

Als am 8. Mai 1945 die Waffen über der schlesischen Erde schwiegen, da kehrte kein Frieden im Lande ein. Da stieg vielmehr neues Grauen auch in seine letzten bisher verschonten Winkel. - Während die Rote Armee im Januar 1945 schon auf deutschem Boden kämpft, begeben sich Hunderttausende, vor allem Frauen mit Kindern und Alte, überstürzt auf die Flucht. Zu Fuß oder auf Pferdewagen, mit der notwendigsten Habe, riskieren sie bei klirrender Kälte den Weg über vereiste Landstraßen, schutzlos den sowjetischen Angriffen ausgeliefert. Bis weit nach Kriegsende werden mehr als zwölf Millionen Deutsche aus den Ostgebieten vertrieben oder verschleppt. Mehr als zwei Millionen überleben den Exodus nicht. Die von Polen gegenüber in den deutschen Siedlungsgebieten Polens und den Reichsgebieten östlich von Oder und Neiße verbliebenen Deutschen verübten Gewalttaten standen im Zeichen eines Vergeltungswillens für Unrechtstaten, die die polnische Bevölkerung während der deutschen Besatzungszeit erfahren hatte. Wo der eine russische Soldat mit Plünderungsrecht gewütet hatte, befriedigte der Pole seine wilden Rachegelüste in tierischer Weise. Dabei kamen durchaus auch blinde nationalistische Haßgefühle zum Ausdruck. Opfer dieser Ausschreitungen wurden Deutsche schlechthin. Täter waren in der Mehrzahl Angehörige einer willkürlich zusammengestellten Miliz, in geringerer Anzahl Zivilpersonen, die im Zusammenhang mit Plünderungen Deutsche überfielen. Die Gewalttaten setzten größtenteils im Zuge einer Verhaftungswelle ein, die aufgrund von Dekreten des polnischen kommunistischen Komitees der Nationalen Befreiung - an 01.01.1945 von der Sowjetunion als vorläufige Regierung anerkannt - (Bierut-Dekrete) durchgeführt wurde. Die Gewaltakte bestanden vorwiegend in Mißhandlungen brutalster, teils sadistischer Art mit Peitschen, Gummiknüppeln oder Gewehrkolben, teils bis zur Todesfolge, ferner in willkürlichen Erschießungen und Erschlagungen wie auch brutalster Vergewaltigungen von Frauen und Mädchen. Insgesamt bestanden in den Gebieten östlich von Oder und Neiße 1255 Lager und 227 Gefängnisse, die dem Gewahrsam von Deutschen dienten.

Auf der Konferenz von Potsdam beschlossen die Siegermächte laut Protokoll vom 02. August 1945, Artikel XIII, die Überführung deutscher Bevölkerungsanteile, die in ordnungsgemäßer und humaner Weise erfolgen sollte.

Joseph Pietsch, Landesvorsitzender