Kulturtagung der Wolgadeutschen in Büdingen,
dem Sammelplatz der Auswanderung an die Wolga vor 250 Jahren

In der Marienkirche wurde "wie am Fließband" geheiratet
Landsmannschaft der Deutschen aus Russland vergibt Katharinenpreis an den Suchdienst des DRK

Die Landsmannschaft der Wolgadeutschen gedachte mit ihrer Kulturtagung der Auswanderungswelle von Büdingen ins Zarenreich vor fast 250 Jahren. Nachdem Zarin Katharina die Große 1763 in einem Aufsehen erregenden Manifest zur Ansiedlung in neuen Kolonien an der Wolga einlud und dafür erhebliche Privilegien und Fördermittel versprach, zog es Tausende in die russischen Werbebüros. Von Büdingen aus nahmen zahlreiche der großen, militärisch organisierten Trecks ihren Ausgang, welche die Auswanderer und ihre Habe per Wagen und die Flüsse hinab nach Lübeck führten, um von dort die Reise über die Ostsee nach dem russischen Hafen Oranienbaum fortzusetzen, von wo aus die Menschen erst Monate später ihr Ziel an der Wolga erreichten.

Eine besonders wichtige Quelle über die Zahl der Ausgewanderten bilden die im Heiratsregister der Büdinger Pfarrei vermerkten Kolonistentrauungen, denn von März bis Juni 1766 gaben sich in der Marienkirche 375 Paare das Ja-Wort, da die Zarin nur Verheirateten die Aufnahme gewährte. Dass nicht die oft unterstellte "Wanderlust", sondern wirtschaftliche Not und soziale Zwänge vor allem junge Leute zur Emigration trieben, geht aus Personalakten hervor, die akribisch zu den Auswanderungsgesuchen angelegt wurden.

"Bei den Planungen für die diesjährige Kulturtagung sei man nicht von ungefähr auf Büdingen gekommen" so der LWD-Bundesvorsitzende Otto Kotke " weil hier vor einem Vierteljahrhundert der schicksalhafte Lebensweg so vieler begann, sei Büdingen der richtige Tagungsort." In seinem Totengedenken beklagte der Bundesvorsitzende, "dass uns immer mehr Zeitzeugen verlassen". Erfreulich sei jedoch der Eintritt junger Leute in den Verband und das Entstehen von Patenschaften. Sein Wunsch ist es, dass die Kulturtage dazu beitragen mögen, "die Geschichte zu vertiefen." Die nächste Zusammenkunft der Wolgadeutschen wird am 31. August am Gedenkstein in Wiesbaden-Biebrich sein.

Büdingens Bürgermeister Erich Spamer dankte in seinem Grußwort den LWD-Organisatoren dafür, dass sie die Kulturtagung an den "Sammelplatz der Auswanderung an die Wolga" gelegt haben und so auf den Spuren der Vorfahren zurückgekommen sind. Der einheimische Historiker Dr. Klaus-Peter Decker habe das Geschehen um das "Russlandfieber" ausführlich dokumentiert.
Johann Thießen, Vorsitzender der hess. Landmannschaft der Deutschen aus Russland (LMDR) und stellvertr. LMDR-Bundesvorsitzender überbrachte Grüße seines Verbandes und ein gute Nachricht: ein Mitglied der LMDR, Albina Nazarenus-Vetter, derzeit CDU-Stadtverordnete in Frankfurt, ist für den Hessischen Landtag vorgeschlagen worden.

Die in Sibirien geborene Frieda Bayer las aus ihrem schmalen Büchlein "Der Schrei der Seele". Die schlimmen Lebensverhältnisse, schon vor dem letzten Krieg und erst recht danach, Qualen von Unterdrückung und Zwangsarbeit , wie kann man das alles beschreiben, hat sie sich gefragt. Kann man menschliche Gefühle auf dem Papier so darstellen, wie sie im Leben sind? Frieda Bayer ist das gelungen. Sie hat ein literarisches Bild gezeichnet, das zu Herzen geht. Die Schicksale gleichen sich: Plötzliche Verhaftung, Verschwinden auf Nimmerwiedersehen. Hunger auch nach Kriegsende, die Männer noch in der Trudarmee, Frauen und Kinder ohne fremde Hilfe auf sich gestellt. Tragische Einzelschicksale. Frieda Bayer hat mit ihrem Büchlein den geschundenen Landsleuten ein würdiges Denkmal gesetzt.

Musikalische Höhepunkte waren die Auftritte von Viktor Rommel und Maxim Varab'jau. Rommel, ein Meister auf der Domra, eine in der russischen Musik gespielten Laute. Varab'jau bot dazu die Begleitung auf der Gitarre. Für Oginskis Polonaise "Abschied von der Heimat", Bachs "Siziliana" und Schuberts "Leise flehen meine Lieder" gab es ganz großen Applaus für die beiden Künstler. Noch in Russland hatten sie ihre Studien abgeschlossen.

Eine Probe seines vielseitigen Könnens bot Eduard Isaak, als Musiker und Schriftsteller gleichermaßen talentiert. "Es war einmal. Das Liedgut der Wolgadeutschen" heißt sein neuestes Buch. Ein Lied aus "eigener Werkstatt" trug er gleich selbst vor, sich auch selbst meisterhaft auf der Gitarre begleitend - ein Künstler dem man gern zugehört hat.

Der Historiker Dr. Robert Korn hat umfangreich über Eduard Huber "Einem poetischen Genie aus der Wolgasteppe" geforscht. Huber, geboren 1814 in der wolgadeutschen Kolonie Messer, war der Erste der Goethes Faust ins Russische übersetzte. Sein Vater, ein Pfarrer, stammte aus dem Badischen. Freundschaft verband Huber mit dem "Vater der russischen Literatur" Alexander Puschkin. Hubers deutsche Gedichte wurden erst nach seinem Tode in deutschen Zeitschriften veröffentlicht. Dr. Korn hatte ein Beispiel mitgebracht.

Dr. Norbert Herr, MdL, Vorsitzender des UHW-Ausschusses im Hessischen Landtag, kennt als Historiker die Geschichte Büdinges als "Auswanderungsdrehscheibe" genau. Nicht nur nach Russland, sondern auch nach Ungarn und Amerika hätten sich Auswanderer von Büdingen aus auf den Weg gemacht. Die Ehefrau von Dr. Herr ist Vertriebene aus Schlesien, zum Schicksal der Wolgadeutschen hat er daher eine besondere Beziehung. Die Wolgadeutschen wären nach Wolgarepublik, Stalindiktatur und der Nachkriegszeit "wo sie die Verbrecher" waren, erst hier in der Heimat endlich zur Ruhe gekommen. Er unterstützt die Pläne für einen bundesweiten Vertriebenen-Gedenktag. Bei der Härtefallregelung zur Zusammenführung von getrennt lebenden Familienangehörigen mit ihren Familien sieht er dringenden Reformbedarf. Das Erforderliche sei bereits angestoßen worden, aber die Umsetzung dauere im viel zu lange.

Die Landesbeauftragte der Hessischen Landesregierung für Heimatvertriebene und Spätaussiedler Margarete Ziegler-Raschdorf wurde vom LMDR-Landesvorsitzenden Johann Thießen mit einem Kompliment empfangen: "Sie kündigen nicht nur an, sondern sie stehen auch dazu". Das hörte die Landesbeauftragte gern und nutzte die Gelegenheit, ihre Verbundenheit mit der Landsmannschaft der Wolgadeutschen zu bekräftigen und dem Bundesvorsitzenden Kotke eine hervorragende Arbeit zu bescheinigen.

"Die Bewahrung und Pflege der Kultur der Heimatvertriebenen und der Spätaussiedler bleibe eine gesamtstaatliche Aufgabe und würde deshalb von dieser Landesregierung weiterhin gefördert" so Frau Ziegler-Raschdorf. "Spätaussiedler wie Heimatvertriebene hätten unser Land mit aufgebaut. Sie besäßen deshalb nicht nur einen gesetzlichen, sondern auch einen moralischen Anspruch, die Kulturleistungen ihrer Heimat zu pflegen und als Teil gesamtdeutscher und damit gesamteuropäischer Kultur zu bewahren" fügte die Landesbeauftragte unter Applaus der Versammelten hinzu.

Als der neugewählte Bundesvorsitzende der Landsmannschaft der Deutschen aus Russland, Waldemar Eisenbraun, sein Führungsprinzip vorstellte, horchte die Versammlung auf. Nach den Plänen des selbständigen Informatik-Fachmanns, seine Mutter ist ein Wolgadeutsche, wird die Leitungsebene der LMDR vollständig umgekrempelt, sprich professionalisiert. In wichtigen Gremien, in denen hauptamtliche Verantwortliche notwendig sind, will Eisenbraun künftig nicht "Vorstandsmitglieder" sondern ausgewiesene Fachleute sehen. Welche Eigenschaften er von seinen Mitarbeitern fordert, habe er kürzlich in "Volk auf dem Weg" beschrieben: Unabhängigkeit, Kompetenz und Loyalität. Die Leistung der für den Verband Verantwortlichen wird er nicht nach "Erfolg" sondern Fortschritt beurteilen. Respekt sollte man sich durch eigene Kompetenz erwerben und Stärke würde zu Unabhängigkeit führen. Ungeteilte Zustimmung erfuhr Eisenbraun für die Ankündigung, dass der Katharinenpreis der LMDR dem DRK zugedacht ist. Schließlich riet der Bundesvorsitzende seinen wolgadeutschen Schicksalsgefährten dringend, eine "westeuropäische Denkweise" anzunehmen. Mit dem Aufruf "Zusammenhalten - Zukunft gestalten" schloß Waldemar Eisenbraun sein temperamentvoll vorgetragenes Grußwort.

Wenn bei einer solchen Kulturtagung nicht auch Gesangsdarbietungen in den Programmheften stünden, würde Wichtiges fehlen: Das deutsche Volkslied, das idealisierte ländliche Kultur und starke Heimatverbundenheit assoziiert.
Die nach Büdingen gekommenen Chöre der Wolgadeutschen haben deutsche Liedschätze gut aufbewahrt aber auch russisches Liedgut, das sie in der Verbannung kennengelernt hatten, nicht vergessen. Der"Wolgadeutsche Chor" aus Kassel unter der Leitung von Ludmila Schwetz, die "Singenden Frauen" aus Korbach, geleitet von Irina Hazke, die "Stimme der Hoffnung" aus Wetzlar, unter der Leitung von Lilli Morland und der Chor "Romaschka" aus Hofgeismar, geleitet von Galina Bienemann, boten temperament- und stimmungsvollen Chorgesang der zum Mitsingen einlud.

Text: Norbert Quaiser; Fotos: Erika Quaiser
Im Juni 2013